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Freiburg Halbmarathon 2015

Am Sonntag genau eine Woche vor dem Freiburg Halbmarathon befand ich mich im absoluten Tief. Im Verlaufe des harten Marathontrainings gibt es immer wieder Phasen grosser Müdigkeit. Aber an diesem Sonntag war ich schlicht und einfach k.o. – ich konnte kaum meine Augen offen halten – und so liess ich weg, was ich sonst NIE einfach so weglassen würde: die 35km – Runde (die ich ja sogar mit Endbeschleunigung hätte laufen sollen). Am Montag war es noch nicht besser und am Dienstag begann ich zu zweifeln, ob ich den Halbmarathon überhaupt würde laufen können.

Am Abend nachdem die Kinder im Bett waren war ich müde wie ein Bär direkt vor seinem Winterschlaf. Halb schlafwandelnd zog ich mir langsam meine Laufkleider an. Stirnlampe wurde montiert und irgendwie gelang es mir, mich nach draussen zu bewegen. Ich lief. Ich lief die obligaten 3x3000m im geplanten Halbmarathontempo. Das war schnell. Und das nach diesen drei Tagen. Aber ich motivierte mich und stellte mir den Freiburg Halbmarathon vor, die vielen Leute, die tolle Stimmung und der Ausflug mit dem LSV Basel. Und so lief ich zu meinem Erstaunen drei sehr schnelle 3000er (3:49 – 3:45 – 3:39) – und danach ging es tatsächlich schnell aufwärts mit mir.

  

lsvbBild: die LSV Basel - Truppe; Ankunft in Freiburg :-)

 

So reiste ich am Sonntag, den 29. März mit rund 30 anderen vom LSV Basel mit dem Zug nach Freiburg. Natürlich war das Wetter ein grosses Thema. Schliesslich hingen die dunklen Wolken auch bedrohlich über dem Schwarzwald und an den Bewegungen der Bäume war der stürmische Wind zu sehen. Nichts desto trotz war für mich klar: heute wird Vollgas gelaufen, kämpfen für eine neue PB. Denn die alte Halbmarathon-PB lief ich vor rund zwei Jahren. In der Zwischenzeit stellte ich drei Marathon-PB’s auf – also musste endlich auch auf den 21.1km etwas geschehen.

Ich fühlte mich gut und bereit. Rainer, unser Trainier hat schon am Vortag für alle die Startnummer abgeholt. Was für ein toller Service!!! Danke noch einmal dafür, Rainer! So waren dann die Anreise und die unmittelbare Zeit vor dem Rennen sehr entspannt.
Rasch war ich umgezogen, Kleiderbeutel abgegeben, letzter Toilettengang erledigt – und auch das Einlaufen hinter mich gebracht. So ging es dann an den Start. Die Temperatur war etwas kühl und schon beim Einlaufen demonstrierte der Wind seine Stärke.

Dann endlich der Startschuss! Los ging’s! Ich kam gut weg und ordnete mich relativ weit vorne ein. Das Streckenprofil hatte ich im Vorfeld grob studiert, so wusste ich, dass es die ersten rund 12km eher bergauf geht und dabei bei km 4 – 6 die meisten Höhenmeter erklommen werden mussten.
So war der Plan eigentlich, dass ich eher etwas vorsichtig starten wollte um dann am Ende einen schönen Endspurt hinlegen zu können. Aber da entdeckte ich schon früh André Nussbaumer vom TV Welschenrohr. Ihn kenne ich von früheren Läufen und ich wusste dass er etwas schneller läuft als ich.  „Wenn ich endlich eine neue Halbmarathon PB aufstellen will, dann muss ich etwas riskieren!“ – waren meine Gedanken und so orientierte ich mich an den um rund 15 Jahre jüngeren André. Auf den ersten Kilometern war er weit vor mir. Zwar immer in Sichtweite, aber es bestand auch die Gefahr, dass er mir ganz davon zog. Ich hatte keine fixe Gruppe. Nur den André, den ich weit vor mir fixierte.
 
Die Blicke auf meine Garmin GPS Uhr bereiteten mir etwas Sorgen. Ich war auf den ersten 5 Kilometern so schnell unterwegs wie noch nie – und dabei ging es doch eher bergauf. „Wenn das nur gut geht!“ ging es mir durch den Kopf, dann kamen aber auch die Gedanken an das doch gut gelungene Training in diesem Jahr – und so strotzte ich vor Zuversicht. Ich war voll und ganz auf das Rennen fokussiert und ich kämpfte. Ich blickte nach vorne zu André und rezitierte innerlich: „den hole ich ein. Den hole ich ein. Los! Los!“ Und zu meiner Überraschung kam mächtig Dampf aus den Beinen und ich machte zwar langsam, aber kontinuierlich Boden gut. Kurz vor km 11 überholte ich einen sehr schnellen älteren Läufer. Der liess dann allerdings überhaupt nicht locker und hängte sich ganz dicht an mich ran. So dicht, dass er zwei, dreimal meine Beine berührte, so dass ich nicht ganz locker laufen konnte, weil immer die Angst vor einem Sturz präsent war. Aber mit ihm im Schlepptau gelang es mir endlich zu André aufzuschliessen und ihn zu überholen. „Was für ein Tag!“, dachte ich und hatte riesig Spass an meinem flotten Lauf. André aber war ein harter Kerl und er liess sich nicht so einfach abschütteln. Er setzte immer wieder zum Überholen an, aber ich konterte oder lief direkt hinter ihm. Mir war klar, jetzt wird bis zur Ziellinie gekämpft!


F HM 02Bild: André, ich und hinten der etwas ältere schnelle Mann

 

Dann irgendwo bei km 16 ging es dann in die belebte Innenstadt von Freiburg. Die Pflastersteine waren durch den Regen etwas rutschig und ich lief die zum Teil etwas engen Kurven sehr weit. Mittlerweilen habe ich bei unserer Dreiergruppe schon länger die Führung übernommen. André und der andere, etwas ältere Läufer, waren allerdings direkt hinter mir. Mir war klar, dass ich bis hier hin über meinen Verhältnissen gelaufen bin und so spürte ich die ersten Hilferufe von den Beinen an mein Gehirn: „Wir sind müde! Wir möchten stehen bleiben!“ – aber ich blieb hart und begann mir Mut zu machen: „nur noch drei km, dann bist Du bei km 18, dort beginnt der Endspurt, los! Beissen! Beissen!“. Die Leute tobten wirklich ganz laut und das spornte natürlich sehr an. Ich hatte sogar die Kraft hin- und wieder den Leuten zu zuwinken oder den Kindern meine Hand zum Abklatschen hin zu halten. Es machte riesig Spass.

 

F HM 01Bild: Verfolger abgeschüttelt!


Dann auf einmal eine Linkskurve. Ich biege ein, ziehe an und laufe was ich kann, da nehme ich eine ganz ungewohnte Stille wahr. „Bin ich falsch gelaufen?“ – ging es mir durch den Kopf – dann aber auch gleich der Gedanke, dass das an der Stelle nicht möglich war. Ich blickte zurück und erkannte den Grund. Meine Verfolger verloren an Boden. Ich zog tatsächlich davon! Ehrlich gesagt hatte ich schon vorher das Gefühl, dass André mit irgendwelchen Problemen kämpft und im Ziel hat er mir bestätigt, dass er starkes Seitenstechen hatte.
 
Jetzt begann mein einsamer Kampf. Niemand mehr der von hinten Druck machte und der Mann vor mir war schon zu weit weg. Ich hatte mich zudem derart auf km 18 fixiert, dass es mir jetzt, wo ich diesen passiert hatte, richtig schwer fiel, das Tempo hoch zu halten. Dann, ich glaube es war kurz vor km 19, folgte noch eine Brücke mit einem gefühlt „mächtigen“ Anstieg. Ich wurde langsamer und kämpfte und kämpfte. Jetzt wurde es richtig hart. Immer wieder blickte ich kurz zurück. Waren meine Verfolger wirklich weg? Ein anderer zog noch mit grossen Schritten an mir vorbei, ich war platt und konnte nicht mehr kontern. Aber da, der Mann der noch vor kurzem weit vor mir lief blieb auf einmal stehen und umarmte schnell einen Zuschauer. Ich zog an ihm vorbei und hatte nur noch einen Gedanken: „Wo ist das Ziel? Ich kann nicht mehr! Wo ist dieses verfluchte Ziel?! – Es kann nicht mehr weit sein, da vorne links, dann müsste es direkt kommen… wo sind meine Verfolger?“. Immer wieder mein ungläubiger Blick zurück – die waren weg.

Die letzten 150m vor dem Ziel, ich war drauf und dran in den Schleichmodus zu wechseln um ausgiebig zu Jubeln, denn ich hatte das Unmögliche geschafft. Eine neue Halbmarathon PB und endlich eine Zeit von unter 1:17!!! Ich war glücklich. Doch dann, bei einem meiner weiteren Kontrollblicke zurück sah ich auf einmal ein LSV Basel Vereinswettkampf Shirt. „James Zürcher!“ ging es mir sofort durch den Kopf. Ich kannte ihn nicht, ich habe nur auf der Vereinswebsite gelesen, dass er auch in Freiburg laufen würde und ich wusste, dass er ähnlich schnell laufen kann wie ich.

Da habe ich beherzt gekämpft, mutig den André hinter mir gelassen und jetzt soll ich noch auf den letzten 100m von einem Vereinskollegen überholt werden? Mein Ehrgeiz spornte mich ein letztes Mal an, statt Jubelgeschrei musste ich noch einmal mit ganzer Körperanspannung und (wie es sich im Nachhinein auf den Zielfotos zeigte) mit schmerzverzerrtem Gesicht alles geben… Irgendwie gelang es mir aber meine schweren Knochen knapp vor ihm über die Ziellinie zu befördern – jetzt hatte ich es definitiv geschafft! Die Freude war gross! 1:16:40 – was für eine Hammerzeit für mich – das war wie Weihnachten eine Woche vor Ostern :-)
 

F HM 03Bild: der Zieleinlauf, noch einmal ALLES geben!



Damit war ich an diesem Tag sogar von allen über 40 jährigen Läufern der Schnellste überhaupt! Was für ein prächtiger Erfolg. Unglaublich…

Nachher gab es noch ein gemütliches Beisammensein mit den LSVBlern. Fast alle waren äusserst zufrieden und es regnete nur so persönliche Bestzeiten. Ganz ganz toll! Und am Ende gewannen wir mit einer knappen Minute Vorsprung sogar noch die Teamwertung (die schnellsten 5 aus jedem Verein wurden gewertet)!! Zudem hatte ich jetzt auch endlich die Gelegenheit James kennen zu lernen :-)

Ein toller Ausflug mit einem tollen Verein zu einem tollen Anlass. Einfach toll!



Hier der Link zum Freiburg Marathon
Hier der Bericht von unserem Trainier Rainer Hauch.

 

 

 

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