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Wings for Life Run Olten 2015

Wings for Life Run Olten vom 03. Mai 2015 - mit dem Untertitel:
Drei Fehler, Pech und jugendlicher Übermut stürzten mich ins Desaster

Den Wings for Life Run in Olten habe ich mir anstelle eines Frühling-Marathons ausgesucht. Einmal Laufen ohne dem Druck einer Marathon-PB ausgesetzt zu sein, für einmal alles etwas lockerer angehen und dennoch einen guten Wettkampf bestritten zu haben. So war das Ziel.

Der Wings for Life run hat keine fixe Zielline, sondern man wird von einem Auto, dem Catcher Car, eingeholt. Je schneller man läuft, desto weiter kommt man. Und ich rechnete mir aus „locker“ 50km zu schaffen. Müsste ich eigentlich auf Grund meiner Marathonzeiten. Hätte ich müssen. Aber da waren diese drei Fehler, das Pech und der jugendliche Übermut, die aus diesem Lauf für mich ein regelrechtes Desaster machten. Aber alles schön der Reihe nach.

1. Es ist Mittwochabend, es war ein toller Tag und ich habe bei Sonnenschein einen letzten, relativ flotten Lauf absolviert. Ich fühlte mich grossartig und war bereit für den Wettkampf vom Sonntag. Dann auf einmal, von einem Moment zum Anderen verspürte ich, wie mein Körper schwach wird – mir war auf der Stelle klar: da bahnt sich ein viraler Infekt an. Am nächsten Morgen bin ich tatsächlich, mit Kopf- und Halsweh und einem bösen Husten aufgewacht. „Das war’s“ – dachte ich, versuchte aber alles zu verdrängen. Eine Erkältung direkt vor dem Wettkampf, was willst Du machen, das ist einfach Pech!

2. Den Wings for Life Run nahm ich von Anfang an nicht ganz so ernst wie ein Frühlingsmarathon. Ich liess auch den einen oder anderen langen Lauf sausen. Das Ganze soll ja etwas entspannt angegangen werden, Hauptsache ein Wettkampf mit grossem Trainingseffekt. Dass ich es locker nahm zeigte dann der Vortag: da beförderte ich noch etwas über 4 Tonnen Sand in einen neuen „Sandkasten“. Bei diesem Projekt gab es anschliessend noch ein Mittagessen. Ein Menu, das eigentlich gar nicht zu einem Wettkampfvortag passt. Anstelle von einer geballten Ladung Kohlenhydrate, gab es Gemüsekuchen mit Ziegenkäse überbacken. Klar, er war lecker – aber er hatte zu diesem Zeitpunkt nichts in meinem Magen verloren. Das war Fehler Nr. 1.

3. Am Wettkampftag selber herrschte übelstes Wetter. Regen, Regen, Regen. Zum Glück verteilte der Veranstalter einfache Plastikponchos die einen trocken hielten und erst noch vor der Kälte schützten. Das war echt toll organisiert. Im Reglement habe ich gelesen, dass 30 Minuten vor dem Start, der Zugang zum Startblock geschlossen wird. Als wohlerzogener Schweizer nahm ich diesen Satz ernst und stellte mich wie gefordert früh im Startblock auf – normalerweise besuche ich zu der Zeit zum letzten Mal die Toilette auf – heute nicht – und das war Fehler Nr. 2.

4. Für das Rennen selber habe ich mir keinen geringeren „Hasen“ ausgesucht, als den letztjährigen Tagessieger, nämlich Marco Kaminsky. An ihm wollte ich mich orientieren, er würde mit Sicherheit genau das Richtige Tempo laufen. Auf ihn sollte Verlass sein und er stammt aus dieser Gegend, kennt also sicher auch die Strecke wie andere ihre Hosentasche. Aber kaum fiel der Startschuss, war schon nach wenigen hundert Meter klar: wir laufen zu schnell an! Viel zu schnell!! Und das war Fehler Nr.3.

Ja in der Tat liefen wir in einer Pace von 3:48 Min/km los. Ich bei den Vordersten. Ja ich war es sogar, der teilweise das Tempo verschärfte. Dabei, und das wusste ich, war die Strecke recht wellig und bei km 8 gab es sogar einen langgezogenen, harten Anstieg. Aber da war er auf einmal in mir, der jugendliche Übermut. „Was kannst Du schon verlieren?“ ging es mir durch den Kopf und ich hielt das Tempo aufrecht. Ich wusste, dass bei Kilometer 15 meine Eltern und einer meiner Söhne auf mich warteten und ich dachte, das wäre doch eine witzige Show, wenn ich da ganz an der Spitze laufen würde. Geplant hatte ich in einer Pace von 4:10 min/km zu starten, meine Uhr zeigte bei 10 km eine Zeit von 37:50 an, also eine Pace von 3:48 Min/km. Es ist mir ein Rätsel wie mir das mit meiner Erfahrung passieren konnte. Natürlich liess ich selbst Kaminsky längst hinter mir. Und ich lief einfach frech weiter - direkt in mein Verderben.

Bei km 15 dann meine kleine Fangruppe und mein Vater gab mir noch ein Säckchen in die Hand, gefüllt mit drei Gels und Gel-Chips – man könnte dies noch als Fehler Nr. 4 taxieren, aber so stark hat sich dieser nicht auf den Lauf ausgewirkt. Bereits ab km 12 spürte ich, dass ich unbedingt aufs Klo müsste. Sehr unangenehm. Mein Bauch begann sich zu verkrampfen und dazu gesellte sich ein leichtes Gefühl von Übelkeit. Es war bei km 15 noch nicht so ausgeprägt und ich schluckte da, wie eingeplant, mein erstes Gel. Das nächste wollte ich eigentlich bei km 20 schlucken, aber da war die ganze Magengeschichte schon so schlimm, dass ich nichts mehr zu mir nehmen konnte. Ich passierte den Halbmarathon in 1:18:xx und war rund an Dritter Stelle. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits etwas langsamer geworden. Der Magen krampfte und ich fühlte mich überhaupt nicht gut. Aber jetzt aufs Klo gehen? Nein! Das wird schon gehen. Durchbeissen. Also lief ich weiter. Mittlerweilen war ich irgendwo draussen im Grünen. Ein paar Mal war ich kurz davor einfach ins Gebüsch zu hüpfen. Ich kannte dieses Gefühl, ich habe es bei langen Läufen immer mal wieder – und wenn ich da aufs Klo gehe, ist gleich alles wieder gut. Ich knorzte mich durch. Würgte bei km 25 mein zweites und letztes Gel hinunter. Mir war übel und der Magen krampfte im Dreiminutentakt. Ich lief jetzt immer etwas langsamer und wurde ein paar wenige Male von ein paar Einzelnen überholt, aber ich lag im grossen und ganzen immer noch gut im Rennen. Ich hoffte immer noch, dass sich mein Magen wie ein Wunder beruhigen würde und ich das Lauftempo wieder erhöhen könnte. Ich klammerte mich an diese Vorstellung und ich nahm mir vor bis km 42 durchzuziehen und mir dann Zeit für einen Klobesuch zu nehmen, wenn es dann noch nötig sein sollte.


wfl2015Hier bahnte sich das Unglück langsam an...


Aber es wurde immer schlimmer. Schlimm war vor allem, dass es mich mental völlig zur Lusche machte. Ich hatte jeglichen Kampfgeist verloren. Es war als hätte ich meinen Lauf längst hinter mir und ich würde nur noch Auslaufen. Bei km 36 war es dann ganz schlimm mit dem Magen, ich konnte nicht mehr und das Toi-Toi Klo, das ich von weitem auf mich zukommen sah, sehnte ich nur so herbei. Die fest zugebundene Laufhose konnte ich in meinem Eifer nicht mehr selbst öffnen, aber ich war vorbereitet und fragte direkt einen Helfer der da stand und der hatte den Knoten innert wenigen Sekunden geöffnet. Endlich. Endlich! Die Erlösung! Zwei Minuten später lief ich weiter. Aber nun spürte ich, dass mir der Zucker ausgegangen ist und dass ich noch stark von der Erkältung geschwächt war. Nichtdestotrotz lief ich weiter. Immer noch konnte ich nicht glauben, wollte ich nicht glauben, dass es das gewesen sein soll. Ich rechnete jeden Moment mit einem Energieschub. Aber gleichzeitig war mir auch klar, dass ich kaum Flüssigkeit zu mir genommen hatte. Kurz: ich war eigentlich auf ganz verlorenem Posten. Ein Mofafahrer war auf einmal neben mir und fragte mich ob es mir gut ginge. Ich sagte, dass ich sehr Durst hätte und da reichte er mir ein Flasche Wasser. Das tat richtig gut. Ich kühlte mir damit auch den Kopf. Jetzt aber, jetzt müsste es doch besser werden.
Mittlerweilen schmerzte mir nun auch noch die linke Schulter. Sicher ein Zusammenspiel von dem Sandschaufeln am Vortag und dem Sack Gel den ich noch immer in den Händen trug. Weshalb bloss habe ich ihn nicht einfach weggeworfen?

Kaum hatte ich das Wasser getrunken, kam der endgültige Todesstoss: extremes Seitenstechen! So wie ich es bei einem Wettkampf noch nie verspürt hatte. Laufen war nicht mehr möglich… jetzt war ich mitten im Desaster. Nein, das hatte ich mir ganz anders vorgestellt. Von 56 km hatte ich geträumt – und jetzt stand ich da, einsam, mitten in der grünen Landschaft, mit Schmerzen und der Schmach, die noch viel mehr schmerzte! 39 km waren erst gemeistert. Als absolutes Mindestziel hatte ich mir eine Strecke vorgenommen die mehr ist als Marathon, so dass ich mich Ultra nennen kann. Also führte ich noch diesen letzten, schmerzhaften Kampf. Ich versuchte zu laufen – um dann mit schmerzverzerrtem Gesicht wieder ins Gehen zu wechseln. Ich ging. Blickte immer wieder zurück – und sah immer mal wieder ein Einzelner auf mich zukommen. Ich feuerte die wenigen Läufer noch an! Sie reagierten alle freundlich und meinten ich solle auch noch laufen. Aber das war nicht mehr möglich. Zu gross der Schmerz… schliesslich gelang es mir die Marathonmarke in knapp unter 3h zu erreichen – und das mit all den Gehpausen und dem Toilettenbesuch. Jetzt war das Rennen für mich gelaufen. Ich ging einfach weiter…immer weiter…immer wieder kam mal einer an mir vorbei und ich blieb stehen, klatschte und feuerte den Läufer an. Dann endlich wurde ich bei km 44.24 von Bruno Kernen, der das Catcher Car fuhr, erlöst – das Rennen war aus. Ich musste noch weitere 800Meter bis zum nächsten Shuttle Bus gehen. Dort gab es endlich noch einmal etwas Flüssigkeit und eine Wärmefolie.

matthias kunz

Nach 44.24km vom Catcher Car eingeholt...


Auf der Busfahrt zurück wusste ich nicht recht wie ich mich fühlen sollte. Es war ein toller Beginn, mutig und witzig – ich hatte meinen Spass! Aber am Ende liessen meine Gesundheit und mein Magen nicht mehr zu. 44km – das bedeutete an diesem Tag Rang 15. Ja, gar nicht so übel bei rund 3500 Starter und Starterinnen. Aber natürlich wäre hier noch viel mehr drin gelegen.

Aber ich habe meinen Respekt vor der Marathondistanz und allem was darüber hinausgeht. Ich weiss, dass es jedes Mal ein Abenteuer ist – und so sollte ich mich nicht wundern, wenn es nach meinen sehr verwöhnten letzten drei Jahren, nun zu einem grossen Desaster kam. Das ist ganz in Ordnung so. Man muss nicht immer das Maximum herausholen. So ist es auch im Leben. Man gewinnt nicht an jedem Tag an dem man es sich wünscht einen Jackpot. Aber heute, einen Tag später weiss ich: nächstes Jahr kenne ich die Strecke. Nächstes Jahr weiss ich, wie schnell ich den Lauf angehen muss und nächstes Jahr weiss ich, wo ich mir meine Leute positionieren muss um mir eine Flasche Wasser oder Cola zu reichen. Nächstes Jahr laufe ich die 50km – und sogar noch darüber hinaus. Nächstes Jahr komme ich wieder und hole was mir zusteht :-)
So etwas lasse ich doch nicht einfach stehen!!!


Hier der Link zum Event Wings for Life Olten
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