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Runnersworld.de News

Parismarathon 2017

Das kleine Wunder von Paris
- eine etwas grössere Erzählung...

Eigentlich hätte ich ja schon 2016 beim Paris Marathon dabei sein sollen, aber eine Grippe und eine anschliessende Achillessehnenentzündung bremsten mich letztes Jahr kläglich aus. Und das nachdem ich mir bereits im August 2015 einen Muskelfaserriss zugezogen hatte und deshalb eine längere Marathonpause einlegen musste. Ja, es war eine sehr harte Zeit. Ich habe mich dann Ende Oktober 2016 in Frankfurt mit einer 2:41:48 zurückgemeldet. Und als es im Anschluss daran darum ging, mich für einen Frühjahrsmarathon anzumelden, war klar: ich will nach Paris!

Damit entschied ich mich nicht für die schnellste, dafür aber für eine der tollsten Marathonstrecken in Europa. Der Paris Marathon ist mit Mittlerweilen über 41'000 Finishern, der grösste Marathon in Europa und nach New York, der Zweitgrösste der Welt. IMG 20170408 094540

Foto: einer von 57'000 (findest Du meinen Namen?)


Die Marathonvorbereitung für Paris zeigte sich zu Beginn etwas zäh. Da ich es im Dezember und Januar beruflich sehr streng hatte, musste ich immer wieder das eine oder andere Training ausfallen lassen, vor allem die Tempoläufe litten darunter. Auch schaffte ich es deswegen nicht ins Training vom Basel Running Club. So war ich abends oft alleine im Dunkeln unterwegs und nicht selten erst nachdem ich die Kinder ins Bett gebracht hatte und dabei selber kurz eingeschlafen war. Schliesslich gipfelte mein mittelmässiges Training (zwischen 85 und 111 Wochenkilometer) Ende Januar darin, dass mich Grippeviren brutal erwischten und ich eine ganze Woche regungslos im Bett verbringen musste.

Als ich dann im Februar das Training wieder aufnahm, hatte ich erst mit muskulären Problemen zu kämpfen. Der rechte Oberschenkel schmerzte jeweils nach langen oder harten Einheiten. So kam es auch, dass ich den ersten Wettkampf des Jahres (den Leimentaler 15km Lauf, bei dem ich den Titel als «schnellster Oberwiler» hätte verteidigen können) aussetzen musste. Ein weiterer Dämpfer. Und so musste ich Mitte Februar sämtliche Ziele für den Paris Marathon vorerst über Bord kippen und erst einmal dafür sorgen, dass ich wieder ordentlich ins Training kam. Dann aber konnte ich meinen grossen Joker aus dem Ärmel schütteln - und rückblickend lässt sich sagen: der hat mich so was von aus dem Sumpf geholt! - Die Rede ist vom unvergesslich tollen Lauftrainingslager mit dem Basel Running Club BRC auf Mallorca. Nicht nur das qualitativ hochwertige Training, welches ich dort absolvierte (178km in 8 Tagen) trug zum Anstieg meiner Formkurve bei. Nein, auch einfach diese positive Stimmung unter uns Läufern und Läuferinnen brachte mir einen immensen Schub. Das Laufen wurde wieder zur motivierenden Leidenschaft.

Zurück vom Lager blieben mir noch 5 Wochen Zeit mich auf Paris vorzubereiten. Für das Wochenende darauf war eigentlich ein Halbmarathontest geplant. Aber ich konnte meine Frau nicht schon wieder einen ganzen Tag lang mit unseren drei Kindern (2, 5 und 10) alleine lassen. So blieb mir am Ende nur eine Lösung: Zuhause im Training einen Halbmarathonwettkampf simulieren. Das tat ich. Und es lief gut. Ich schaffte eine Halbmarathonzeit unter 1:20 – einfach so für mich im Training. Das hat mir zu der bereits ansteigenden Form noch zusätzlich Selbstvertrauen gegeben. Auf einmal blitze wieder meine «alte Stärke» auf: der unerschöpfliche Optimismus. Obwohl ich wusste, dass die Strecke in Paris nicht mit Berlin oder Frankfurt (wo ich jeweils schon unter 2:42 gelaufen bin) zu vergleichen ist, war ich auf einmal davon überzeugt: wenn alles stimmt, wenn alles aufgeht – und dann noch etwas Glück dazukommt, dann traue ich mir sogar eine sub 2:40 zu! Der Realist in mir brummte allerdings immer wieder: «Junge, Du kannst sehr zufrieden sein, wenn Du überhaupt unter 2:45 läufst».

So konnte ich also doch noch fünf super Trainingswochen abspulen, allerdings blieben die Wochenkilometer im Verhältnis zu meinem mutigen Ziel doch eher im bescheidenen Rahmen (103 bis 118 Wochen-km). Mehr lag einfach nicht drin.

Endlich war es dann so weit und ich konnte kerngesund und ohne jegliche Beschwerden mit dem Zug von Basel nach Paris reisen. Für mich persönlich sind die beiden letzten Tage vor einem Marathon jeweils die Schönsten: man blickt auf eine lange und harte Trainingszeit zurück und es wird einem bewusst auf was man alles verzichtet hat und wie sehr man sich aufopferte – wie oft man nach einer harten Einheit am nächsten Tag erneut in die Laufschuhe gestiegen ist und die nächste Runde gedreht hat, obwohl die Beine noch richtig müde waren. Das macht zwischendurch schon etwas sentimental. Und gelichzeitig ist man derart Nervös und voller Spannung, dass man fast platzt!
Die Anreise (auf der mich noch der Racing Club Strasbourg ein paar Stationen begleitete) verlief ohne Probleme und so rollte ich am Freitagabend (07.04.2017) mit rund 18 Minuten Verspätung im Gare de l’Est ein - was war ich aufgeregt!!! Ich bezog das Zimmer und schlenderte noch kurz durch den Bahnhof ehe ich mich ins Bett zurück zog. Schlaf war jetzt enorm wichtig.

Am Samstag dann ging es Schlag auf Schlag:
Nach dem Frühstück wollte ich so rasch wie möglich zum Salon du Running an die Marathonmesse um meine Startnummer abzuholen. Beim Kauf des Metroticktes, das ich einem «privaten Verkäufer» Mitten in den Menschenmassen im Gare de l’Est abkaufte, wurde ich schon mal gehörig um ein paar Euros geprellt. Das bemerkte ich erst als es schon zu spät war. Ach was soll’s – ich musste über meine Naivität Schmunzeln, zu lange hatte ich mich in den letzten Jahren in sicheren Gewässern aufgehalten, ich war ausser Übung.

Der Salon Du Running war, wie es sich für den grössten Marathon Europas gehört, riesig. Da ich (gut geplant) schon früh am Morgen da war, konnte ich innert kürzester Zeit all die Dinge erledigen die ich mir vorgenommen hatte, da hat sich meine Erfahrung mal wieder voll ausbezahlt ;-)
Ich fuhr zurück ins Hotel, schlüpfte in die Laufsachen und absolvierte bei herrlichstem Wetter und total überfüllten Gehwegen einen kurzen Lauf über 20 Minuten. Die Beine fühlten extrem locker an und der Kopf war für das grosse Abenteuer bereit. Weshalb also sollte ich nicht das schier Unmögliche versuchen und die sub 2:40 angreifen? So viele Gelegenheiten bieten sich schliesslich nicht dazu. Und eben, der Optimist in mir drückte durch – der Realist wurde längst zum Schweigen gebracht, wenn ich auch seine Worte nie vergessen hatte.

Nach einem kurzen Nickerchen (das zu meiner Marathonvorbereitung am Vortag immer dazu gehört) fuhr ich mit der Metro zu einem der schönsten Orte die ich auf der Welt kenne: zur Sacre-Coeur!
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Es war zwar vollgestopft mit Touristen aber ich konnte diesen magischen Ort dennoch für mich geniessen. Der Blick über Paris, einfach unbezahlbar. Von da aus schlenderte ich durch das Montmartre hinuter zum Moulin Rouge wo ich mich gleich daneben in einem Lokal mit Mario Ritschard vom Twitterlauftreff (zusammen mit seiner Frau) zum Abendessen traf. Es war eine tolle Begegnung die mein Pariswochenende wunderschön abrundete. Als wir uns gegen 20:30 Uhr verabschiedeten galt es zurück ins Hotel zu gehen, denn jetzt begann der ultimative Teil: der Marathon rückte spürbar näher, die Spannung stieg, jetzt konnten noch die letzten Dinge vorbereitet werden.
Ich studierte noch einmal die Strecke: wo sind Anstiege zu erwarten, wo kann ich eher schneller laufen? Die Babysocken wurden wie immer so mit Sicherheitsnadeln und Tape an der Wettkampfhose befestigt, dass sie als Taschen für Zuckergels dienen konnten. Das hat sich bei all meinen Marathons stets bewährt. Ich packte sogar noch eine Clownnase ein, die ich bei meinem Parisbummel für einen Euro gekauft hatte (sie ist mein Markenzeichen, ich trage sie oft am Ende eines Marathons als Symbol dafür, dass wir den Marathon zwar ernst nehmen sollen, dass es aber noch viel wichtigere Dinge im Leben gibt).
Wie immer vor einem Marathon war ich schliesslich erst kurz vor Mitternacht mit allen Vorbereitungen fertig und ich löschte das Licht. Zum Einschlafen ging ich in Gedanken noch einmal den ganzen Wettkampftag durch - Schritt für Schritt - dabei bin ich irgendwann eingeschlafen.

…und wurde auch schon um 4:50 Uhr abrupt von meinem Wecker geweckt: Raceday! Auf!
Aber ich war doch noch ziemlich müde. Was soll’s, das Frühstück musste so früh wie möglich rein, damit es später beim Wettkampf sicher nicht mehr stört. Wie es sich für mich gehört, war alles perfekt vorbereitet. Auf der Liste stand sogar was ich essen musste :-)
Nachdem ich auch das obligate Selfie (mich in den Wettkampfkleidern) geknipst – und  auf Twitter und Facebook gepostet - hatte, ging es dann endlich los.
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"Caesar, lass die Löwen raus!"


Die Anfahrt mit der Metro war problemlos und als ich in der noch etwas dunklen und kalten Morgenluft direkt neben dem l’Arc de Triomphe von der Metro hoch kam war noch sehr wenig Betrieb. Es war sogar so, dass ich auf den ersten Blick noch nichts vom Marathon sah. Nur einige wenige Läufer die alle in eine andere Richtung liefen deuteten darauf hin. Nach kurzem Orientieren machte ich mich auf den Weg zum Zielgelände, da dort die Kleider für nach dem Lauf abgegeben werden konnten. Phu – es war ein rechtes Stück zu Gehen. Aber da mir das schon im Vorfeld beim Studieren der Startunterlagen klar war, machte ich mir nicht viel daraus. Sicherheitsleute waren auch unterwegs und den Zielraum konnte man nur durch Vorlegen der Startnummer betreten. Die Stimmung war noch sehr ruhig und nur wenige Läufer waren so früh überhaupt schon unterwegs.
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Da ich gestern beim Studieren des Plans des Zielgeländes nirgends Duschen eingezeichnet sah, fragte ich einen Helfer danach. Der antwortete etwas ratlos und meinte er glaube es gäbe hier keine Duschen. Ein Zweiter bestätigte dies und ich wunderte mich etwas darüber – naja, laufen wir erst einmal.
Ich wollte keine Zeit verlieren, gab meine Sachen ab und schlenderte relativ gemütlich weiter Richtung Start… Richtung Avenue des Champs-Élysées! Wow! Das sah dann schon richtig eindrücklich aus. Die Startblöcke waren zwar noch fast leer, dafür aber schier endlos lang. Meiner war ziemlich weit vorne und so galt es erneut zu Gehen, zu Gehen. Wer den Paris Marathon laufen will muss zuerst ziemlich weit Gehen ;-) Schliesslich erreichte ich meinen Block. Auch dieser war noch fast komplett leer. Ich war also perfekt vorbereitet und liess es wie gewohnt sehr entspannt und ganz ohne Gehetze angehen. Hier gab es ToiToi-Häuschen IM Startblock drin. Also betrat ich meinen Startblock und ging zuerst in eines der ToiToi-Häuschen: das war echt eindrücklich, der Sound der aus den riesigen Lautsprecher dröhnte liess das ganze Häuschen vibrieren – echt witzig!

Ich stellte mich ganz vorne hin und blickte durch den etwas speziellen Startblock, der irgendwie für besondere Gäste gedacht war, bis nach vorne zum Eliteblock. Es gab nicht mehr viel was ich tun musste und so stand ich ruhig da und genoss die spezielle Atmosphäre die vor so einem prestigeträchtigen Wettkampf herrschte. Und mit der Zeit als ich mich umdrehte glaubte ich meinen Augen nicht: wie eine unbesiegbare römische Legion standen hinter mir abertausende von Läuferinnen und Läufer – und dahinter als Zierde der l’Arc de Triomphe – was für ein Bild, unbezahlbar! Wie per Twitter «verabredet» traf ich schliesslich noch Markus Heidl (laufenhilft.de) der auch in diesem speziellen Block vor mir starten durfte. Der kurze Austausch mit ihm war sehr nett und gab mir noch einmal einen Schub Motivation. Er guckte mich dann aber doch etwas schmunzelnd an, als ich meine beiden Koffeine-Shots wie zwei kleine Schnäpse per Ex runterspülte. Diese zählen seit Jahren zu meinem Wettkampfritual. Dann ertönte der Speaker, Läufer wurden vorgestellt, der Rollstuhlmarathon startete und schliesslich fiel um 08:20 Uhr pünktlich der Startschuss zum Marathon – aber vorerst nur für die Elite und den Block vor mir. Dann wurden wir nach vorne zur Startlinie geführt. Ich war bereit. Um 08:22 Uhr sollte es losgehen!

Dann der erneute Knall! Ich wollte loslaufen, aber nichts tat sich. Ich war etwas verwirrt. Dann realisierte ich: zuerst wird von meinem Startblock A nur die linke Strassenseite der Champs-Élysées auf die Strecke geschickt. Eine endlose Schlange an Läuferinnen und Läufer zog an mir vorbei und ich dachte erst: Nein, die blockieren doch die ganze Strecke! Wieso habe ich das im Vorfeld nicht bedacht! Später allerdings stellte es sich dann eher als Segen heraus. So wurde ich also doch noch kurz aus dem Konzept gebracht, aber es dauerte keine weiteren zwei Minuten da knallte es erneut und ich konnte endlich meine Beine in Bewegung bringen. So, das ist er nun, der 41. Paris Marathon! Let’s rock it!
Die Avenue des Champs-Élysées war wegen vielen Unebenheiten und Löchern gar nicht so einfach zu laufen. Die Geschichte der Stadt schien sich in das Pflaster gemeisselt zu haben. Ich kam dennoch gut weg. Die Beine waren locker und ich lief von Beginn an exakt mein geplantes Tempo. Dennoch war es auch so, dass ich irgendwie nicht hätte schneller rennen können, etwas war wie blockiert: waren die 08:20 Uhr doch viel zu früh für mich?

Beim Place de la Concorde nach etwas mehr als einem Kilometer kam gemäss meiner Laufstreckenstudie die einzige etwas enge und kurvige Stelle und hier war mein etwas verspäteter Start tatsächlich ein Hindernis. Ich kam nur über Umwege bei den vielen Leuten vorbei. Nun war es so, dass ich tatsächlich ein schnelleres Tempo eingeschlagen hatte als die ganze Masse die da am Start vor mir ins Rennen durfte. Und ich lief einfach mein Tempo und überholte Läufer um Läufer. Das ging mehr oder weniger bis km 32 so – und ich frage mich noch heute, wo all diese Läufer und Läuferinnen herkamen die ich da konstant überholen konnte, es ist mir ein Rätsel. Grundsätzlich aber war das für mich enorm aufbauend. Überholen gibt immer einen gewissen Schub. Auf der Höhe vom Place de la Bastille stand die eigentliche Hochburg an Zuschauer. Da wurde es richtig laut, das gab Hühnerhaut. Ich hatte mir die Strecke ja gut eingeprägt und war sehr gespannt auf den ersten Anstieg bei km 6 – und als er dann kam musste ich feststellen, dass er doch schon spürbar in die Beine ging. Ich aber lief weiter mein Tempo mit Kurs auf exakt eine 2:40er Marathon Zeit.

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Nun verliessen wir die Stadt und für die nächsten 9km folgte eine ländliche Landschaft, vorbei am Schloss Vincennes. Mir lief es weiterhin gut. Spürte aber, dass ich aus welchem Grund auch immer, nicht weiter beschleunigen konnte. Zu diesem Zeitpunkt wurde mir klar, dass ich heute wohl kaum eine sub 2:40er Zeit (wie erträumt) erreichen konnte. Der Gedanke störte mich aber keineswegs. Ich kannte ja die realistische Stimme in mir die mir kaum eine 2:45 zutraute und so lief ich einfach unbeirrt mein Tempo weiter. Wie geplant nahm ich bei km 16 das erste Gel ein. Hier ist vielleicht anzumerken, dass es beim Paris Marathon Wasser in 33cl Flaschen gab, welche die Läufer dann anschliessend in Mülltonen werfen mussten die bis zu 500m nach dem Verpflegungsposten aufgestellt waren. Wenn ich richtig gezählt habe, erzielte ich von 7 Würfen stolze 6 Treffer :-)

Ich war weiterhin grossartig unterwegs. Ich lief im Durchschnitt 3:46 Min. pro km und es schien als könnte ich dieses Tempo noch lange halten. Bei km 18 passierte noch beinahe ein kleiner Unfall: als ich die Kilometermarkierung überquerte drückte ich bei meiner Uhr auf die Pausentaste und las die Zeit des letzten Kilometers ab, da stolperte ich auf einmal über eine Auto-Bremsschwelle – und konnte mich gerade noch fangen - Glück gehabt!
Ich erreichte die 21.1km – Marke in einer 1:19 – Zeit und hielt mir damit noch alle Optionen offen: vom grossen Coup (an den ich ja zwar längst nicht mehr glaubte) über eine einfache PB bis zum bitteren Ende, alles lag in greifbarer Nähe. Abenteuer pur! Gleich anschliessend passierten wir erneut den Place de la Bastille und wiederum tobten hier die Zuschauer, so dass ich automatisch schneller lief. Nach wie vor überholte ich konstant Läufer um Läufer und immer mal wieder eine Läuferin…

Jetzt erreichten wir die Seine und zum ersten Mal spürte ich eine Müdigkeit in den Beinen. Doch jetzt wurde es erst richtig hart. Der Seine entlang war es recht wellig. Dabei wurden auch drei Unterführungen – eine davon sogar richtig lang – passiert, was jedes Mal ein auf und ab bedeutete. In der langen Unterführung fuhr ein älterer Franzose auf seinem Fahrrad neben uns her, klingelte wild und spornte uns mit französischen Ausdrücken an. Ich war unglaublich fokussiert und versuchte trotz der schwierigen Strecke möglichst auf Kurs zu bleiben. Das Passieren der Notre-Dame habe ich nicht mitgekriegt. Bei km 29 erinnerte ich mich daran, dass wir ja auf den Eiffelturm zuliefen und dieser auf der linken Seine-Seite zu sehen sein müsste. Ich blickte hoch und drehte meinen Kopf nach links – und erschrak kurz! Denn da stand der 324 Meter hohe Turm majestätisch neben mir! Wow! Und ich hatte ihn tatsächlich beinahe übersehen. Bei km 30 ging es dann langsam weg von der Seine. Hier habe ich nun schon etwas an Tempo eingebüsst, ich versuchte aber dennoch mich nicht beirren zu lassen und versuchte so gut (und schnell) es ging einfach weiter zu laufen. Dann folgte bei km 33 der härteste Teil der Strecke: ein brutaler Anstieg, der mich völlig aus dem Rhythmus brachte. Ich fand keinen passenden Schritt und war froh als sich der Anstieg wieder langsam in die Horizontale senkte. Mit 4:13 Min lief ich hier meinen langsamsten Kilometer vom ganzen Rennen (ja sogar der langsamste 5km – Abschnitt fiel bei mir auf km 30-35).

Nun galt es einen kühlen Kopf zu bewahren und zu kämpfen. Klar war da die Stimme in mir, die sich für einen Grossteil meines Körpers stark machte und von mir verlangte eine Gehpause zu machen. «Nur kurz, bitte!». Aber das konnte und durfte ich nicht zulassen – um keinen Preis! Weiter! Weiter! Jetzt fingen die Kopfspiele an: noch 7 km! Das heisst 3 * 2km und noch ein Letzter – ich versuchte mir den Rest der Strecke im Kopf zu verkürzen. Und immer wieder visualisierte ich das Trainingslager auf Mallorca. Das verlieh Flügel. Mittlerweilen war mir sogar bewusst, dass ich auf eine 2:43 zulief, vorausgesetzt ich könnte das Tempo halten. Mir wurde längst bewusst, dass es purer Hochmut war hier eine sub 2:40 laufen zu wollen - und dass, wenn ich hier eine sub 2:45 schaffte, das wirklich ein Riesending wäre! Der Realist in mir musste schmunzeln. Und ich musste dranbleiben. Schon länger hatte ich zwei Läufer vor mir die ein auffällig orangenes TShirt mit dem Spruch: «42,195km quand on a la Banane on ne compte pas!» trugen. Und da biss ich mich rein.

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Einfach immer dranbleiben. Manchmal lief ich an einem vorbei, dann kam er wieder an mir vorbei. Wichtig war, dass ich nur nicht langsamer werden würde. 39km – jetzt war das Ende schon fast zu spüren, ich visualisierte meine Trainingstrecke und lief im inneren Auge dort die 3km ab – es ist nicht mehr weit! Los! Ich wollte etwas beschleunigen, spürte jedoch gleich meine rechte Wade – bloss keine Krämpfe jetzt. Nur noch so wenig zu laufen und doch konnte noch so Vieles passieren. Ich war am Ende meiner Kräfte. Meine Clown-Nase liess ich in der Hosentasche. Es fehlte die Kraft, jetzt musste ich mich konzentrieren. Noch stand alles auf dem Spiel. Seitenstechen würde ich jetzt ignorieren können, aber Krämpfe? Km 40, nicht übermütig werden. Tempo halten. Es kommt gut! Es kommt gut! Bei km 35 hatte ich mir ein Fruit Booster von Isostar in die Hand genommen und immer wieder kleine Stückchen davon abgebissen. So war mein Mund konstant voller Zuckergeschmack und das wiederum half mir, dass ich mich gut fühlte. Längst waren wiederum die ersten grossen Gebäude zu sehen. Die Stadt nahte, der l’Arc de Triomphe, er müsste in wenigen Augenblicken auftauchen, die Avenue de Foch, das Ziel – «komm Junge, jetzt einfach durchhalten!».

Km 41 – nun war ich mir sicher: nichts würde mich jetzt noch bremsen können, jetzt nicht mehr! Die 2:43 würden Realität werden – Freude breitete sich in mir aus. Zuschauermassen säumten hier den Streckenrand – ich jubelte! Ja, ich jubelte! Jetzt liess ich die Freude raus – jetzt war es so gut wie geschafft – egal was jetzt noch kommen würde, ich würde mich ins Ziel prügeln! Die letzte Kurve, Werbeschilder waren zu sehen – und da hinten, da! Das Ziel! Mit den Händen bildete ich über dem Kopf das Symbol für den Eiffelturm, so wie ich es vor dem Start - wo es alle Starter nach der Anweisung des Speakers gemacht hatten - gelernt hatte. Mir ging noch ein «merde!» über die Lippen!
 

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Der grüne Teppich, kein wirklicher Endspurt – wozu auch – einfach ein Zieleinlauf – und dann... Emotionen! Freude! Ich bin in Paris eine 2:43:25 gelaufen – was für ein Ding! Was für ein kleines Wunder!

Isostar Finisher

Im Ziel gab es dann tatsächlich keine Duschen. Dafür aber leckere Orangenstücke. Ich bekam die Medaille und das Finisher-Shirt, wechselte noch ein paar Worte mit anderen Läufern und holte dann meine Sachen. Selbst kleine Tritte wie von der Strasse auf den Gehweg fielen mir brutal schwer. Ich war kräftemässig am Ende – es war ein fantastisch schöner Marathon bei strahlend blauem Himmel und angenehm warmen Temperaturen. Paris, je t’aimes!

Der Weg zurück ins Hotel, wo ich mich ja eigentlich schon ausgecheckt hatte, war hart. Zum Glück gab es in den Metroab- und aufgängen meistens Rolltreppen oder einen Lift. Nach einer kurzen Dusche im Hotel (die ich nach etwas Diskussion und Wartezeit bekam) besuchte ich noch kurz die Notre-Dame. Dann war es bereits wieder an der Zeit Paris in Richtung Basel zu verlassen.

Mein 27. Marathon ist Geschichte. Keine Sensation, aber doch irgendwie – zumindest für mich (wenn ich meinen Trainingsaufwand genau analysiere) – ein kleines Wunder. Yeah! Was für ein Abenteuer! Was für ein tolles Hobby!
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Fazit: mit den 2:43:25 lief ich meine viertbeste Zeit überhaupt und blieb damit nach 2014 (Wien und Berlin), 2016 (Frankfurt) zum vierten Mal in Folge (wenn schnell gelaufen) unter der 2:45er Marke!

In Paris wurde ich 188.(!!) von 42'444 TeilnehmerInnen.
40. Meiner Alterskategorie (von über 10'000).


Hier geht es zur Website vom Parismarathon.

Hier geht es zur Rangliste.



Ich danke allen die mich auf dem Weg zum Paris Marathon unterstützt und motiviert haben. Hier nur die wenigen Wichtigsten:
Meine Familie die mein vieles Laufen aushalten muss, allen voran natürlich meine liebe Elissa :-D
Der Basel Running Club BRC mit all den tollen Lauffreunden: Danke Rainier und Lucas für das mega Lauftrainingslager auf Mallorca!
Und ich danke auch der @Laufgazelle vom Twitterlauftreff für die vielen motivierenden Worte!
Ich bedanke mich auch bei all den Kinderbetreuern aus unserer Familie, die mir so viele wichtige Trainingsstunden ermöglicht haben: meine Eltern, Silvan mein Schwager und meine Schwiegereltern! Natürlich auch ein Dankeschön an das Team von running.COACH für den perfekten Trainingsplan! DANKE!!!

Kommentare   

 
+1 #3 Wolfgang 2017-04-15 19:54
Herzlichen Glückwunsch Matthias. Was für eine tolle Geschichte...we iterhin viel Erfolg und bleib gesund :-)
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0 #2 Matthias 2017-04-14 15:44
Danke David!!! :-)
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+1 #1 David 2017-04-14 11:01
Wow Matthias
Toller Bericht! Wie du das alles unter einen Hut bringst, mit der Arbeit und drei Kindern. Das kann ich mir irgendwie gar nicht vorstellen, vor allem wenn man noch keine Kinder hat.
2:43 sind sackstark, und Alterskategorie 40. von 10'000, Hallo??'
Ja, das Trainingslager in Mallorca war auch für mich auch ein Schlüsselmoment . War gut ab und zu jemanden wie dich an der Seite zu habe ;-)
Und jetzt haben wir beide toll abgeliefert an diesem Sonntag!
Gruss aus Dietikon, David
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    Das kleine Wunder von Paris
    - eine etwas grössere Erzählung...

    Eigentlich hätte ich ja schon 2016 beim Paris Marathon dabei sein sollen, aber eine Grippe und eine anschliessende Achillessehnenentzündung bremsten mich letztes Jahr kläglich aus. Und das nachdem ich mir bereits im August 2015 einen Muskelfaserriss zugezogen hatte und deshalb eine längere Marathonpause einlegen musste. Ja, es war eine sehr harte Zeit. Ich habe mich dann Ende Oktober 2016 in Frankfurt mit einer 2:41:48 zurückgemeldet. Und als es im Anschluss daran darum ging, mich für einen Frühjahrsmarathon anzumelden, war klar: ich will nach Paris!