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Düsseldorfmarathon 2012

Metro Group Marathon Düsseldorf
(Sonntag, den 29.04.2012)

Der Düsseldorf Marathon bleibt in meiner Erinnerung ein ganz Spezieller, denn schon die Anekdote (siehe am Ende des Textes) wie ich rund 7 Wochen vor dem Lauf, als Frischgebackener „Vater zum Zweiten“, todmüde vom Laufband gestürzt bin, und ich mir nur dank Glück keine Verletzungen zugezogen habe, zeugt von der ungewöhnlichen Vorbereitungszeit. Das Marathontraining liess ich mir wiederum von Peter Greif erstellen. Das hat sich in Berlin bewährt und ich mag den Stil von Peter sehr. Seit Anfang Jahr lief ich immer am Samstag die berühmtberüchtigte 35km-Runde, die wichtigste Marathoneinheit, und so kamen von Januar bis zum Marathon rund 1500 Trainingskilometer zusammen. Ich war also gut vorbereitet und freute mich riesig auf meinen zweiten richtigen Marathon für den ich mir viel vorgenommen hatte (eigentlich ist Düsseldorf mein 18. Marathon, aber es ist erst der Zweite auf den ich mich seriös vorbereitet habe).
 
So bin ich am Vortag mit einer 2:50h - Renntaktik in der Tasche mit dem ICE von Basel nach Düsseldorf gereist. Hotel beziehen, Startnummer abholen, Streckenabschnitt besichtigen (mich hat vor allem die Brücke über den Rhein interessiert, weil da die grösste Steigung zu meistern war) - und dann noch gemütlich durch die „Altstadt“ von Düsseldorf schlendern. Es lief alles nach Plan - und ich konnte mich gegen 16 Uhr sogar noch zu einem Schläfchen hinlegen. Um die Zuckerreserven aufzufüllen stopfte ich schon seit 3 Tagen eine Unmenge an Basler Leckerli in mich hinein, zusammen mit viel Apfelsaftschorle. Jetzt zum Abschluss verspeiste ich zum Abendessen noch eine Pizza mit Pilzen und Tomaten, das soll angeblich förderlich sein um noch etwas mehr Glykogen in die Muskeln zu bringen (Glykogen ist der Zuckervorrat das dem Muskel direkt zur Verbrennung zur Verfügung steht). Nachdem für den Vortag alles schön zusammengestellt ist, lege ich mich gegen 23 Uhr ins Bett. Da erwies sich die zentrale Lage als kleiner Nachteil, denn es dröhnte Samstagabend-Stimmung, samt Musik, von draussen her ins Zimmer. Doch irgendwie bin ich schon zu sehr auf den Marathon konzentriert. Ich ignoriere den Lärm und schlafe schnell ein.

Um 6 Uhr weckt mich mein Handy. „Marathontag, endlich!“, „wird mein Taktik-Plan aufgehen?“, „Bin ich wirklich bereit 2h50 zu laufen?“ - kaum bin ich wach werde ich von vielen Fragen überrumpelt. Ja, die Nervosität gehört zum Marathon, wie der schiefe Turm zu Pisa. „Immer mit der Ruhe“, beruhigte ich mich selber, „Du bist gut vorbereitet und Du bist in einer sehr guten Form. Marathon ist nicht das Wichtigste, gehe einfach raus und laufe - dann weisst Du Bescheid.“ Mein Ablauf ist minutiös vorbereitet. Gleich nach dem Aufstehen kippe ich 0.5 Liter Isostar in mich hinein, esse eine Banane und ein Appenzeller-Biberli. Jetzt bleibt mir eine ganze Stunde um all meine Sachen zu packen und mich in aller Ruhe vorzubereiten. Beim Umziehen stelle ich allerdings eine Nachlässigkeit von mir fest. Was viele Nicht-Läufer nicht wissen ist, dass man sich beim Laufen gerne die Brustwarzen aufscheuert. Das bemerkt man dann erst unter der Dusche, wenn es höllisch brennt. Ich will mir die Pflaster, die ich eingepackt habe auf die heiklen Stellen kleben, doch diese Dinger haften überhaupt nicht. Ich befürchte, was dann tatsächlich auch eintreffen wird (und ich ärgere mich jetzt beim Schreiben noch einmal, dass ich so nachlässig sein konnte und es nicht fertig brachte richtige Pflaster einzupacken). Dann deponiere ich mein Reisegepäck bei der Hotelrezeption und mache mich zu Fuss auf den Weg zum Startgelände. Unterwegs sehe ich einige Jugendliche die sich nach einer langen Nacht ziemlich betrunken auf den Heimweg machen - immerhin bin ich mitten in Düsseldorf und es ist Sonntagmorgen. Im Startgelände erkundige ich mich, ob irgendwo richtige Pflaster zu haben sind, aber alle Hilfskräfte die ich frage winken ab, es scheint hier nirgends Pflaster zu geben. Ich vergesse das Ganze und begebe mich zum eigentlichen Start. Es ist jeweils der wohl aufregendste Moment am Marathon - Renntag. Der Tag ist noch jung, die Leute sind aufgeregt, laute Musik dröhnt durch grosse Lautsprecher, ein Speaker der stets etwas zu berichten hat und überall stehen die Läufer und Läuferinnen Schlange vor den ToiToi-Häuschen. Ein Lob an die Organisatoren, denn ich muss überhaupt nicht anstehen und kann mich in Ruhe vom letzten Ballast befreien. Noch 10 Minuten bis zum Start. Gemäss Tipp von meinem Lauftrainer trinke ich noch einmal rund 300ml Iso-Getränk mit etwas Koffein (schliesslich greift man zu allen möglichen Mitteln, wenn es darum geht, noch ein paar Minuten heraus zu holen). Ich stelle mich in den vordersten Startblock. Kein Gedränge, gute Stimmung - so macht’s Freude. Rund 10 Meter vor mir reiht sich die ganze Elite ein. Beim 10. Metro Group Marathon Düsseldorf soll es bei den Frauen und den Männern einen neuen Streckenrekord geben und so wurden einige schnelle Läufer und Läuferinnen aufgeboten (und es gab dann tatsächlich bei den Männern wie bei den Frauen einen neuen Streckenrekord). Unter den Eliteläufern befindet sich auch der Deutsche Jan Fitschen der mit einer 2h12 noch die Qualifikation für die Olympischen Spiele schaffen will (und er scheiterte dann leider durch Aufgabe bei km 24 wegen muskulären Problemen). Es ist ein eindrückliches Bild: die EliteläuferInnen sehen alle fast gleich aus, zumindest von der Figur her. Klein, schmal und ganz dünne Beine. Ganz im Gegensatz zu mir mit meinem BMI von über 24!

Der Speaker stellt einige LäuferInnen vor und dann endlich ist es wo weit, es wird von 10 auf 0 runter gezählt, es ertönt ein Knall! Der Düsseldorfmarathon startet: Herrlich! Endlich bin ich auf der Strecke. Schnell habe ich meine Pace gefunden und ich habe viel Platz zum Laufen. Kein Gedränge. Schon auf den ersten paar Kilometern bildet sich eine Gruppe von 4 - 6 Läufer um mich herum. Ich laufe nach meinem Taktik-Plan und kümmere mich nicht um das Tempo der anderen Läufer. Ich laufe, überprüfe die Geschwindigkeit auf meiner GPS - Uhr und denke, dass es richtig Spass macht schon mit so einem flotten Tempo zu starten. Wie immer sind die ersten Km langatmig und man hat das Gefühl es dauert ewig, bis man nur mal 5km hinter sich gebracht hat. Bei km 9 geht es nun zum ersten Mal über die Oberkasseler Brücke, der erste Anstieg also. Statt langsamer zu werden beschleunige ich minim, keine Ahnung wieso, ich stelle es einfach nur fest. Ich trage vier Zuckergels in den Händen und bei km 12 schluckte ich schon mein Zweites. Alles läuft bestens. Ich fühle mich gut, die Beine sind locker und die Zuschauer verbreiten eine gute Stimmung. Es hat natürlich nicht annährend so viele Zuschauer wie letzten Herbst beim Berlinmarathon, aber die Wenigen die da stehen spornen uns LäuferInnen mit viel Lärm an. Dann scheint die Zeit auf einmal schneller zu gehen, denn ich erreiche bereits die Kilometermarke 15. „Jetzt beginnt meine persönliche Marathonprüfung“, denke ich, denn für die nächsten 10km muss ich gemäss meinem Taktik-Plan, mein bereits schnelles Tempo noch weiter verschärfen. Ich beschleunige und merke, dass das sehr gut geht. Keine Probleme. Mittlerweile sind nur noch drei andere Läufer auf meiner Höhe. Doch dann bei km 16 passiert mir ein kleiner Fehler mit vermutlich etwas grösseren Folgen: Ich laufe mein flottes Tempo und auf einmal flutscht mir aus dem Nichts heraus das Zuckergel, das ich in der linken Hand mit mir trage, einfach so weg und landet auf dem Boden. Im Bruchteil einer Sekunde entscheide ich mich dazu weiter zu laufen und das Gel da liegen zu lassen. Dann geht es wieder über die Brücke zurück auf die andere Uferseite und wieder macht mir der kurze Anstieg überhaupt nichts aus. Ich fühle mich sehr gut und ich laufe mit konstantem Tempo auf die Halbmarathonmarke zu. Fast exakt wie ein Schweizer Uhrwerk benötige ich für die ersten 21.1km genau so viel Zeit wie ich es mir vorgenommen habe, ich bin lediglich 6 Sekunden hinter meinem Taktik-Plan. Die Km 23 - 26 verlaufen minim bergauf. Mittlerweile läuft nur noch ein Läufer bei mir. Durch einen Speaker den wir passieren, und der uns anspornt in dem er unsere Namen ausruft, erfahre ich, dass er Rolf heisst (und nach dem Marathon sehe ich in der Rangliste, dass er in der Altersklasse M55 1. Wurde - Bravo!).

Bald sind 25km zurück gelegt, hier folgt nun endlich meine „Erlösung“, denn ab jetzt darf ich meine Renngeschwindigkeit wieder verlangsamen; minim zwar nur, aber immerhin ist der Unterschied spürbar. Ich überlege noch kurz ob ich mich von Rolf verabschieden - und ihm noch ein gutes Rennen wünschen soll, tue es aber nicht. Ich nehme Tempo raus und zu meiner Überraschung läuft mir Rolf nicht davon, sondern bleibt in meinem Tempo, einfach nur knappe 10 Meter vor mir. Nach wie vor fühle ich mich ausgezeichnet. „Das Training hat sich gelohnt“, denke ich während dem ich durch die Strassen von Düsseldorf flitze. Ich erinnere mich daran wie ich bei km 16 ein Gel verloren habe und denke, dass es langsam dringend an der Zeit ist, ein Gel zu schlucken. Denn so langsam folgt der letzte und härteste Marathonteil. Aber ich muss einen weiteren „Vorbereitungsfehler“ eingestehen, denn ich weiss nicht mehr bei welchem Km ein Verpflegungsposten steht der auch Gels anbietet. Ich laufe mein Tempo das nach wie vor hoch ist und passiere die km 30 - Marke. Meine Konzentration lässt leicht nach. Aber da erkenne ich endlich einen Verpflegungsstelle und ich sehe auch den rettenden Schriftzug „Gel“ auf den ich auch gleich zusteuere. „Perfekt“, denke ich. Eine Frau sitzt hinter dem Tisch und streckt mir etwas Längliches hin, das wie ein Gel aussieht. „Gerettet“, geht es mir durch den Kopf, “endlich ein dringend nötiger Zuckerschub!“. Ich strecke meine Hand aus und bin schon im Begriff zuzupacken, da sagt die Frau: „Vorsicht es ist offen!“ - und mich verwirrt das derart, dass ich ins Leere greife. War es fehlende Konzentration? Ein „Neiiiin!“ hallt durch meinen Kopf und der Verpflegungsposten rauscht an mir vorbei. Da ich eh nichts an der Situation ändern kann mache mir nicht viele Gedanken. Ich weiss, dass irgendwann schon bald der nächste Posten folgen wird und da gibt es auch Cola. Denn neben dem Zucker ist es hilfreich für die letzten Km noch etwas Koffein einzunehmen. Rolf habe ich mittlerweile überholt und ich laufe ganz alleine. Umso eindrücklicher ist es wenn ich jeweils bei einem Zuschauerpulk vorbeirenne und mir alle ganz begeistert zurufen und Lärm machen. Meine Wahrnehmung verändert sich spürbar. Alles scheint langsamer zu  werden. Ich kann meine Geschwindigkeit trotz meiner Erfahrung durch die vielen Trainingskilometer nicht mehr genau einschätzen und so blicke ich immer wieder auf meine GPS-Uhr. Ich bin gut im Rennen und ob ich meinen Taktik-Plan noch einhalte kann ich bei meinem Zustand nicht mehr wirklich einschätzen. Mein Gefühl sagt mir ich liege leicht hinter den angestrebten 2h50 und eine „kleine Angst“ in mir beginnt sogar zu zweifeln, ob ich denn die 2:55:34 aus Berlin überhaupt noch unterbieten könne. Ich hänge diesen Gedanken nach und bin überzeugt ungefähr bei km31-32 zu sein, da taucht vor mir das 33km-Schild auf. Hoppla! Was für eine positive Überraschung. „Noch 9km, los die packe ich jetzt noch!“ und ich laufe weiter durch die asphaltierten Strassen von Düsseldorf. Da ich mich hier überhaupt nicht auskenne und sich mein Bewusstseinszustand durch den Zuckermangel langsam wie leicht zugedröhnt anfühlt habe ich keine Ahnung wo ich bin. Ich laufe einfach der Strecke nach und hoffe dass ich bis ins Ziel keinen Einbruch erleide. Endlich die nächste Verpflegungsstelle. Ich schnappe mir einen Becher mit Cola und stelle etwas entsetzt fest, dass da nicht allzu viel Cola im Becher ist. Klar man sollte nicht zu viel Cola trinken, das verstehe ich, aber ich brauche doch unbedingt Zucker.  Auch die nächsten Kilometer fühlen sich seltsam an. Ich laufe hier durch diese Strassen, bin ganz alleine unterwegs, die Zuschauer rufen begeistert und ich will endlich wissen wo das Ziel ist. Dann wieder eine Verpflegungsstelle und wieder schnappe ich mir beim Vorbeirennen einen Becher mit Cola. Und wäre ich noch bei gutem Bewusstseinszustand, so hätte ich mir mit Sicherheit gleich zwei Becher genommen. So bleibt mir dieser Eine, wiederum nur mit wenig Cola. Runter damit - weiter geht’s! Irgendwie gelingt es mir trotzdem mich über die Runden zu bringen. Wieder schaue ich auf meine GPS Uhr um heraus zu finden welche Endzeit ich in etwa zu erwarten habe. Aber ich schaffe es nicht richtig die Zeit abzuschätzen. Da blicke ich auf das andere Handgelenk, an der ich meine analoge Swatch trage. Ich erkenne auf den ersten Blick, dass es noch 10 Minuten bis zur angepeilten Zeit von 2h50 sind und kann locker im Kopf 3km a 4 Minuten = 12 Minuten ausrechnen. „Zum Glück habe ich eine ganz normale Uhr dabei“, denke ich und weiss nun, dass ich viel weniger Zeitz verloren habe, als ich es befürchtete. Hätte ich ab Km 28 mehr Zucker zu mir nehmen können, ich wäre mit Sicherheit besser im Zeitplan. Da trainierst Du perfekt, denkst an alles und vergisst dann am Schluss Dich mit der Verpflegung auf den letzten Kilometern auseinanderzusetzen. Ja, so hart ist Marathon. „Am Ende gewinnt oft nicht der Bessere, sondern derjenige, der weniger Fehler macht“, ist ein Spruch von der Läuferlegende Emil Zatopek. Und ich kann da nur noch hinzufügen „Ich selber bin mein grösster Feind“. Aber ich bin nun mal hier Draussen auf der Marathonstrecke, immer noch alleine unterwegs und ich weiss, dass es ist nicht mehr allzu weit ist, „die letzten 3km packe ich auch noch!“ motiviere ich mich. Ich versuche zu laufen, so gut es geht. Ein paar hundert Meter vor dem Tor, das den letzten Kilometer markiert fliegt förmlich ein Läufer an mir vorbei. Ich hänge mich an ihn - lasse ihn aber nach 5 Metern wieder ziehen. „Herrlich!“, denke ich, „wenn ich nur etwas mehr Zucker getankt hätte, ich könnte jetzt auch so schön fliegen“. Ich gönne es ihm - freue mich mit ihm - und konzentriere mich wieder auf mich. Und dann geht alles ganz schnell. Endlich ist der Rhein wieder zu sehen, die letzten hundert Meter. Das Glücksgefühl baut sich in mir auf… in schaue auf die Uhr und realisiere, dass ich tatsächlich nicht allzu viel Zeit verloren habe. Ich bin sogar sensationell unterwegs, so schnell wie noch nie zuvor. Da packt es mich: ich mache einen Freude-Luftsprung. Die Zuschauer applaudieren. Ich strecke beide Daumen in die Höhe um mich für das Anfeuern zu bedanken und dann erreiche ich nach 2h 51Min und 49 Sekunden das Ziel…. Unglaublich! Verrückt! Ich bin einfach nur glücklich. Ein Helfer gibt mir einen Plastikumhang, damit ich warm bleibe, ein Fotograf knippst ein Foto und ich sehe nur wenige andere Läufer im Ziel. Ich stütze mich aufs Geländer und blicke zum Rhein hinunter. Da drücken etwas die Freudetränen in die Augen und ich erinnere mich daran wo ich noch vor einer Woche war. Unser Kleinster hat mit Mama das Wochenende im Spital verbracht und es war eine emotional anstrengende Zeit. Es stand sogar kurz in den Sternen, ob ich überhaupt nach Düsseldorf reisen kann. Und dann kam alles gut - und ich bin einfach nach Düsseldorf gereist - mit einem Gefühl der Sehnsucht nach meiner Familie - und ich habe das Ding eiskalt durchgezogen - und wie! „Wieso machen wir das?“ - ein Läufer der gerade das Ziel erreicht hat steht neben mir und strahlt mich an. „Weil es einfach schön ist“ antworte ich ihm. Wir plaudern noch eine Weile zusammen und trinken im Ziel gemeinsam ein wohlverdientes Erdinger Alkoholfrei. Dann verabschieden wir uns und ich mache mich mit Dankbarkeit und Vorfreude auf die baldige Heimreise unter die Dusche. Zu meiner Verwunderung ist hier überhaupt kein Andrang. Ich habe viel Platz und praktisch die ganze Dusche für mich. Ein kleiner Lohn für die schnelle Zeit. Ausser den aufgescheuerten Brustwarzen spüre ich keinerlei Schmerzen, alles fühlte sich gut an. Schnell noch nach Hause telefonieren um die frohe Botschaft zu verkünden: es geht mir gut, ich bin neue Bestzeit gelaufen, ich bin glücklich! Dann verlasse ich das offizielle Zielgelände in Richtung Hauptbahnhof.

Ja, es wäre noch mehr möglich gewesen, mit Sicherheit - wenn es mit dem Zucker besser geklappt hätte - aber eben, es läuft selten alles perfekt, von daher bin ich mehr als Zufrieden… und denke schon mit Vorfreude an den nächsten Lauf. Danke Düsseldorf, Du warst grossartig!


 
Anekdote:

Ich wusste, dass die Vorbereitung zum Düsseldorf Marathon speziell sein wird und dass ich offen für jegliche Art von Veränderungen und Anforderungen sein muss. Denn meine Frau war zum zweiten Mal schwanger und die Geburt würde irgendwann ein paar Wochen vor dem Lauf stattfinden - (also mitten in der wichtigen Vorbereitungsphase) und wie es dann wird - weiss niemand. Gut möglich, dass ich dann sogar das ganze Projekt abbrechen muss. Unser kleiner Sohn kam dann 7 Wochen vor dem Marathon zur Welt und die Geburt nahm zwei Nächte in Anspruch. Ich liess dadurch eines der härtesten Intervall-Trainings sausen und nach der zweiten Nacht ohne Schlaf war es an der Zeit wenigstens einen lockeren Lauf von etwas mehr als einer Stunde zu absolvieren. Den Tag über sorgte ich für meinen älteren Sohn. Als ich ihn gegen 21 Uhr im Bett hatte, war ich fix und fertig. Draussen laufen wollte ich nicht mehr, da ich alleine Zuhause war und der Junge jederzeit aufwachen konnte. Also musste hinhalten was ich bei Ricardo für Sonderfälle ersteigert hatte: das Laufband im Keller. Über ein Jahr stand es nun schon unbenutzt da. „Egal, ich muss laufen - ich habe ein Ziel“, dachte ich und machte das Laufband für die Laufeinheit bereit. Es ging los… ich musste nur mit „gemütlichem“ Tempo laufen, was für dieses Gerät allerdings Vollgas bedeutete. Ich starrte auf die weisse Kellerwand und joggte an Ort und Stelle. Ich weiss nicht ob Du das schon je einmal ausprobiert hast. Ich kann Dir versichern, es gibt nichts Langweiligeres als auf einem Laufband Zuhause im Keller zu joggen. Das Radio das ich mir eingestellt habe war wegen des Lärms überhaupt nicht zu hören. Aber ich hatte keine Lust mehr meinen Lauf zu unterbrechen um das Radio lauter zu stellen. So war ich also da auf dem Laufband, todmüde nach zwei Nächten ohne Schlaf. Dazu kam, dass am Folgetag ein langer 35km-Lauf auf mich wartete, ich also auch eigentlich früh ins Bett sollte, um mich entsprechend erholen zu können. Meine Gedanken drifteten immer wieder weg und ich hatte das Gefühl sogar einmal kurz eingenickt zu sein. Dann geschah es. In der Hand hielt ich die Notstopp-Schnur, an der ich bei irgendwelchen Problemen einfach fest ziehen musste um das Laufband zum Stoppen zu bringen. Aber ich war zu müde. Auf einmal - ich muss wieder eingenickt sein, habe ich den Tritt verloren - ich schlitterte nach Hinten - an der Notstopp-Schnur ziehen konnte ich vor Müdigkeit nicht mehr: ich schlug mit dem linken Schuh in meine rechte Wade und ich konnte meinen Sturz gerade noch auffangen… ich hing schräg an den Haltestangen und meine rechte Wade schmerzte höllisch. Ich war wieder hellwach - noch leicht verwirrt, aber ich realisierte, dass ich gerade eben ziemlich viel Glück hatte. „Weiter! Das waren erst 15 Minuten, ich will noch 55 Minuten dranhängen“. Tja, wenn ich ein Ziel habe, dann kenne ich nichts. Ich lief tatsächlich weiter. Und es vergingen ungefähr 50 Minuten bis mein Sohn die Kellertreppe herunter gelaufen kam und so meine Trainingseinheit definitiv beendete. Der Arme ist aufgewacht und konnte nicht wieder einschlafen. So war für mich Feierabend und ich brachte den Kleinen wieder ins Bett.