Get Adobe Flash player

Luzernmarathon 2011

Mein persönlicher Bericht vomLuzern-Marathon 2011, wo ich den Wert von 23 Sekunden erfahren habe.
(Sonntag, 30.10.2011, mein 17. Marathon)

Nicht jeder  Marathon führt zu den so sehr ersehnten Glücksgefühlen und dem stoischen Buddha-Lächeln - genau so wenig, wie auch nicht jeder Biss in eine feine Schokolade, dasselbe Vergnügen ist.

Es ist kurz vor 5 Uhr.  Zum Glück in der Nacht der Zeitumstellung - so dass es sich in der Tat wie  6 Uhr anfühlt. Alles ist gerichtet. Ich esse ein Honig-Brötchen, trinke ein Isogetränk und schlucke noch ein, zwei Geheimsubstanzen (für die psychische Stärke, Ultra Sports Starter und L-Carnitin). Dann ab auf’s Fahrrad und schnell Richtung Bahnhof. Denn leider fährt so früh am Morgen das Tram zu den ungünstigsten Zeiten. Ich sitze im Zug - alles hat geklappt und es sind viele andere Läufer mit an Bord. In Ruhe esse ich ein Biberli und eine Banane und nehme immer wieder ein Schluck Iso (Zucker ist für den Marathonläufer einer der wichtigsten Energielieferanten). Ich stecke mir die Stöpsel vom iPod in die Ohren und stimme mich musikalisch in den Tag ein.

Heute endet meine Laufsaison 2011. Im Juli habe ich nach einer über halbjährigen Verletzung, die ich mir beim Fussballspielen zugezogen habe, mit meinem seriösen Lauftraining angefangen. Und meine beiden Höhepunkte liegen bereits ein paar Wochen zurück: am 25. September bin ich in Berlin in einer unglaublichen Zeit von 2:55:34 die 42.195km gelaufen und 3 Wochen später habe ich auch im Halbmarathon (Hallwilerseelauf) einen neuen persönlichen Rekord von 1:21:53 aufgestellt. Schwierig also mich jetzt noch für Luzern zu motivieren. Auch mein Trainer der mir aus der Ferne meine Trainingspläne schreibt und alle E-Mail-Anfragen beantwortet meinte zu meinem Unterfangen: “ Du kannst schon in Luzern laufen, aber erwarte keinen guten Lauf.“  Na, das ist auch nicht gerade Öl ins Motivationsfeuer geschüttet. Nichts desto trotz erreiche ich um 7.15Uhr Luzern und ich folge der grossen Masse, die mich sicher in den Startbereich führt. Routiniert locker gehe ich alles an: Startnummer holen, ein Gang auf’s WC, ab in die Garderobe , warm halten und dann rechtzeitig in den Startbereich gehen. Immerhin der 17. Marathon, da weiss man was man tut. Wirklich? Heute habe ich Verstärkung am Streckenrand: meine Frau mit meinem fast 5 Jährigen Sohn Mischa. Das ist Motivation pur. Kann aber, wie an einem Tag wie heute, auch für unnötige Unruhe sorgen. „Ach“, denke ich beiläufig, „ich gebe die Wertsachen nicht an der offiziellen Stelle ab, das dauert zu lange, ich treffe ja nachher meine Frau, gebe ich ihr doch meine Sachen“ - doch dieser Gedanke war der Beginn meines „Untergangs“. Noch 30 Minuten bis zum Start, mittels SMS weiss ich, dass meine Frau längst im Startbereich sein muss und ich bin noch ganz ruhig und voller Vorfreude. Ich warte an einer Stelle wo sie eigentlich vorbei kommen muss. 5 Minuten später werde ich unruhig und 10 Minuten später ahne ich bereits, dass ich ein grosses Problem habe: in meiner Hand befindet sich mein Geldbeutel, mein Mobiltelefon und ein langarmiges Jogging-Shirt. Wohin damit? „Im Startbereich muss ich sie treffen“, denke ich und mache mich gleich auf den Weg. Ununterbrochen rufe ich sie an - doch das Klingeln ihres iphones geht im Lärm der Masse völlig unter. Die Wege sind voll mit Läufer und Zuschauer. Schwierig hier jemanden zu finden, schwierig genug nur halbwegs zügig voran zu kommen. Ich erreiche den Startbereich. Dumpf nehme ich den Speaker im Hintergrund wahr: „Es ist jetzt Zeit sich im Startblock einzureihen um unnötige Hektik zu vermeiden“, da wage ich den Blick auf meine Uhr: noch 10 Minuten bis zum Start und noch immer trage ich meine Sachen mit mir rum. Nun spüre ich leichte Panik in mir aufkommen. Was tun? Den Marathon sausen lassen? Mit all den Gegenständen losrennen und hoffen meine Frau auf dem ersten Km zu treffen? Oder alles einem fremden Zuschauer überreichen? Ich entschliesse mich das Wertsachendepot zu suchen: muss also noch einmal durch die ganze Menge zurück joggen. Das Depot ist natürlich geschlossen und so steure ich auf einen Info-Stand zu: „Wo kann ich meine Wertsachen deponieren?“, frage ich die Frau die da arbeitet und hoffe auf ein „lassen Sie Ihre Sachen hier bei mir“ - doch weit gefehlt: Die Frau macht klar, dass ich die Sachen auf keinen Fall bei ihr lassen kann. Eine Läuferin mit dem selben Problem stösst dazu. Und sie rettet mich. Ich stecke meine Sachen in ihre Handtasche und wir stellen diese draussen auf der Wiese zu anderen Taschen die da einfach so rumstehen (aha, es ist wohl üblich, dass Läufer zu spät kommen und ihre Sachen dann einfach wild deponieren). Die 100er Note stecke ich mir in die Laufhose, das Mobiltelefon schalte ich aus Sicherheitsgründen aus. Noch 5 Minuten bis zum Start. Verrückt. Schnell noch bei einer Hecke Wasser lösen und dann zum Start joggen; im Slalom-Lauf versteht sich… und dann suche ich meinen Block. Plötzlich geht alles ganz schnell: ich reihe mich ein, gehe ein paar Schritte und entdecke meine Frau samt Sohnemann am Streckenrand. Ein kurzes Hallo - ein letzter Kuss - ich kann mich noch umdrehen und schon höre ich den Startschuss - die Menge kommt in Bewegung und ich laufe… und ich drücke bei meiner GPS-Stoppuhr auf Start und realisiere: es geht los. Mann war das ein Ding, so was habe ich während meiner gesamt Marathonzeit noch nie erlebt. Aber was soll’s. Die letzte halbe Stunde ist vergessen, jetzt konzentriere ich mich auf den Lauf und mein Tempo.  Ich denke kurz an Berlin und wie es war wo ich da vor genau 5 Wochen zur selben Zeit gestartet bin - damals war ich ganz locker. Heute fühlt es sich etwas verkrampft an. Und ich spüre auch schon auf den ersten Kilometern, dass ich heute mehr „arbeiten“ muss.

Da wir gleichzeitig mit dem Halbmarathon gestartet sind laufe ich in einem grossen Feld und es ist in der Tat ein unruhiges Gerangel und ich werde mehrmals am Bein berührt. Es ist auch schwierig mein geplantes Tempo zu laufen, da hier scheinbar alle viel zu schnell losrennen. Ich suche mir eine ruhige Stelle,  verlangsame auf mein Starttempo und lasse mich überholen. Die ersten Steigungen folgen. Ich meistere sie gut und finde auch einen guten Rhythmus - ich bin im Rennen angelangt. Nach rund 12, 13 km erhöhe ich mein Tempo - und nun bin ich es, der sich im Feld nach Vorne arbeitet. Es folgt die 1.5km Strecke durch den Tunnel. Gefühlt geht es leicht bergab, ich bin mit hohem Tempo unterwegs und fühle mich immer besser. Ein paar Km weiter geht es dann auch schon wieder in den Ziel/Start-Bereich zurück - die Halbmarathon-Läufer beenden da ihren Lauf - für uns Marathon-Läufer beginnt der Lauf erst: es geht in die zweite Runde. Wie abgemacht stehen meine beiden Fans beim Wendepunkt und strecken mir eine Cola-Flasche hin. Und nun folgt die schönste Phase des Laufes: ich nehme jeweils den nächsten Läufer ins Visier, laufe zu ihm auf, erhole mich kurz, um dann zum nächsten Läufer aufzuschliessen. Es läuft perfekt. Auch die Steigungen stecke ich gut weg. Ich blicke auf meine Uhr und denke: „Wenn mir ab km 38 ein toller Schlussspurt gelingt, dann kann ich vielleicht sogar meine Berlin-Zeit unterbieten“ - aber dennoch laufe ich nicht so locker und unbeschwert wie vor 5 Wochen in Berlin. Noch angle ich mich in der Tat von Mann zu Mann (es waren auch noch zwei Frauen dabei) nach Vorne. Meine Beine signalisieren auch bei  km32, dass sie noch über Kraftreserven verfügen und auch der Kopf meldet ein: „Weiter, weiter, alles Roger!“. Es geht zum zweiten Mal in den Tunnel und eigentlich war das mein abgemachter Punkt, wo ich loslegen wollte. Schliesslich folgt auf den Lauf die Winterpause - und da kann ich mich lange und ausgiebig erholen: also, ALLES geben! Doch dann kam’s. Von einem Atemzug zum anderen, wie angeworfen: starke Schmerzen beim Einatmen. „Was ist los?“ denke ich mit schmerzverzerrtem Gesicht? Schnell realisiere ich, dass der Schmerz zu nimmt sobald ich mein Tempo erhöhe. Was jetzt? Ich presse meine Ellbögen nach hinten, verrenke mich und versuche den Schmerz im Zwerchfell, rechts oben, irgendwie zu beseitigen. Ich verlasse den Tunnel und erreiche nun die letzte Phase des Laufes, noch 5 km. Ich verlangsame und der Schmerz verschwindet. Ich beschleunige und das Stechen zieht wie ein Messerstich durch meine Brust. Die ganze Aufmerksamkeit ist beim Seitenstechen. Ganz unerwartet hat es mich auf dem falschen Fuss erwischt. Noch denke ich: „ok, die 2h57m die ich noch eben erreichen hätte können, werden es nicht mehr werden, aber die Zeit wird so oder so gut, einfach durchhalten“. Ich laufe in dieser Phase alleine und der Speaker erwähnt meinen Namen: ich winke den Leuten zu - strecke den Daumen nach oben und denke: „ die Zuschauer hier in Luzern sind echt der Hammer, viel Musik, viel Beifallgetose, einfach toll“.  Ich lasse den Speaker hinter mir, da höre ich ihn sagen: „…und da kommt auch schon der 3h-Pacemaker…“ und denke: „Nein, das kann doch nicht sein - habe ich jetzt so viel Zeit verloren?“  Der Schmerz in meiner Brust beim Einatmen wird schlimmer und noch liegen die letzten 1000 Meter vor mir. „Eine unendlich lange Distanz“, denke ich mir und versuche einfach noch irgendwie das Ziel zu erreichen, rund 600 Meter vor dem Ziel überholt mich der 3h-Pacemaker…  eine kalte Dusche für einen Läufer wie mich - brutal! Aber auch das ist Marathon. Wie im Leben geht es auch hier auf den 42.195km hart zu und her, da werden nicht einfach so Geschenke verteilt. Mittlerweile presse ich mir die Hand auf die Schmerzstelle. Die Zuschauer toben auf den letzten 200 Meter, unmöglich hier meine Frau und meinen Sohn zu erkennen - und habe ich noch bei km 32 von einem glänzenden Zieleinlauf geträumt - so war dies hier alles andere als ein Genuss - zu unerwartet haben sich die Dinge auf dem letzten Km gegen mich gewandt. 3h00Minuten und 22.8Sekunden - ich passiere das Ziel in einer hervorragenden Zeit - aber ich kann mich nicht freuen - zu hart war das Ende - da brauche ich zuerst noch ein paar Minuten Gedenkzeit.

Und so gab es kein Endorphinbad wie in Berlin, kein Glücksgefühl. Aber immerhin ein Gefühl von Zufriedenheit, wenigstens das. Denn mir war gleich klar, dass ich im Grunde einen super Lauf hingelegt habe. „Nun“, denke ich, „kenne ich den Wert von 23 Sekunden“, denn hätte ich 23 Sekunden weniger gebraucht - ich würde schweben und jauchzen vor Freude - denn ich hätte wieder einen Marathon in weniger als 3 Stunden geschafft.
Und so war es einfach nur ein toller Tag, ein schöner Lauf, eine super Leistung und der Abschluss einer gelungenen Saison. Und ich denke das reicht für den Anfang. Immerhin habe ich „nur“ 12 Wochen seriös trainiert, da will ich mal noch nicht zu viel erwarten.
… aber im nächsten Jahr, da will ich noch ein Quäntchen härter Trainieren, im entscheidenden Tempolauf noch etwas mehr beissen und den langen 35km-Lauf vielleicht auch mal auf 38-40km ausdehnen. Denn Eines ist klar: „Niederlagen“ spornen zu mehr an :-) - und so darf man gespannt auf meinen nächsten Lauf sein, im nächsten Jahr…  denn nach dem Marathon ist vor dem Marathon.