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Minimarathon Bellinzona 2012

AMB Minimarathon Bellinzona, 17.06.2012 um 08:30 Uhr

Ferien. Sonntag Morgen um 6 Uhr stehe ich auf. Irgendwie eine schöne Stimmung. Meine Frau und die beiden Kinder schlafen noch. Ich esse mein Frühstück und trinke Iso, auf Kaffee muss ich heute verzichten, der Lärm der Zubereitung (Vollautomat mit Mahlwerk) würde die Familie wecken. Wir sind im Tessin in der Ferien und ich habe mich für den AMB Minimarathon Bellinzona angemeldet, ein flacher 17km Lauf.
Ich treffe kurz nach 7 Uhr im Startgelände ein. Es ist einer dieser Läufe mit kleiner Teilnehmerzahl, was ich sehr mag. Es ist alles übersichtlich organisiert und obwohl man hier italienisch spricht finde ich mich schnell zurecht und kann mich gut auf den Lauf vorbereiten. In aller Ruhe hole ich meine Startnummer, kein Gedränge. Hier im südlichen Teil der Schweiz spürt man schon den Einfluss Italiens. So erhalte ich zusammen mit der Startnummer eine regelrechte Wundertüte mit vielen kleinen Werbegeschenken. Echt toll.
Ich fühle mich gut vorbereitet und trinke 50Min. vor dem Start (ich hatte einfach dermassen Lust danach) einen kleinen Espresso. Ob das der Fehler war, für den ich dann beim Lauf büssen musste?.  Rund 60 Leute stehen am Start und mir war mittlerweile auch klar, dass ich hier sogar grosse Chancen habe auf das Podest zu laufen. Der Organisator stellt sich vor die versammelten Läufer und erklärt irgendetwas über den Verlauf der Strecke. Ich verstehe nur einzelne Wörter, von wegen, dass man irgendwo ungefähr in der Mitte der Strecke den Finger-Chip in das Lesegerät stecken soll. Ja, wir haben – wie es eigentlich im OL üblich ist – zur Zeitmessung einen Fingerchip erhalten. Diesen musste man vor dem Start aktivieren und dann eben in der Mitte der Strecke und im Ziel in ein Lesegerät stecken. Irgendwie witzig.
Dann endlich wurde von 10 auf 0 runtergezählt und schon ging es los. Ich habe mir vorgenommen mit einer Pace von 3:53 – 3.55 Min/km anzufangen. Und siehe da, die Spitze lief exakt mein Tempo. So kam es, dass ich nach etwa 700 Metern der vorderste Läufer war. Ein schönes Gefühl, wenn man vorne mitlaufen kann und das Tempo auch genau dem entspricht was man locker noch lange durchhalten kann. Die Strecke ist schön flach und hat insgesamt nur gerade 30 Höhenmeter. Einzig die Sonne brennt schon heiss am Himmel, obwohl es erst morgens um 08:30 Uhr ist. Aber die Wärme macht mir nichts. Und zudem führt die Strecke immer wieder durch angenehm schattige Wege. Ab km 3 sind wir dann nur noch zu Fünft an der Spitze. Ich laufe locker mit und freue mich irgendwie schon auf den Schlussspurt – wer wird wohl das Rennen machen? Ich habe dieses Jahr viele Trainingskilometer zurückgelegt und so weiss ich, dass das Tempo gut zu meistern ist, sogar so, dass ich am Schluss für einen Endspurt noch auf Reserven zurückgreifen kann.

Dann aber kommt alles ganz anders. Auf einmal spüre ich ein stechen, rechts oben im Brustkasten... ich realisiere, dass es Seitenstechen ist und versuche über die Atmung und die Körperhaltung das Stechen weg zu bringen. Aber im Gegenteil, der Schmerz wird zu einem höllischen Stechen, und mir bleibt bei Km 7 nur Eines: stehen bleiben und tief ein- und ausatmen. Ach was fühle ich mich „verloren“! Da laufen mir die Vier an der Spitze davon und mir ist klar, dass es das somit gewesen ist. Aus Ende – Basta! Ich stehe also da und atme tief in den Bauch. Laufe weiter und muss nach 500 Metern noch einmal stehen bleiben. Das Stechen ist immer noch da, wieder strecke ich mich und atme ganz tief ein. Da läuft auch schon ein Läufer an mir vorbei. Aber es ist irgendwie seltsam. Noch eben lief ich im flotten Tempo und nun stehe ich da im Grünen, strecke und recke mich und mache irgendwelche Atemübungen. Ich bin ganz alleine und es ist absolut still. Und das wirklich komische ist, dass kein weiterer Läufer angerannt kommt. „Oh“, denke ich, „da haben wir aber auf den ersten 7 Km schon einen rechten Vorsprung herausgeholt“.
Nun beginnt die „Kopfarbeit“. Das Einfachste und Naheliegenste wäre ja einfach aufgeben und zum Start zurückgehen. Aber ich doch nicht. Ich gebe mir einen Ruck und laufe weiter. Das Seitenstechen scheint verschwunden, das heisst ich spüre es nur noch ganz leicht und so nehme ich mir vor das Ding noch zu Ende zu laufen. 5 Min später gelange ich zu einer Verpflegungsstelle. Auf einmal ruft von hinten ein Helfer wie wild. Ich blicke zurück und sehe dass hier das Finger-Chip-Lesegerät steht. Also stoppe ich, renne die rund 15 Meter zurück und stemple zur Halbzeit ein. Beim Verpflegungsposten schnappe ich mir einen Becher Iso und laufe weiter. Ich spüre, dass ich nicht zu sehr Tempo machen kann, weil sich sonst das Seitenstechen wieder zurück meldet. Tatsächlich wird es bei km 13 noch einmal etwas stärker und ich muss noch einmal kurz stehenbleiben und tief Luft holen. So ein Mist. Dieser Lauf ist komplett vergeigt. Ich kenne Seitenstechen sonst überhaupt nicht. Ist es weil ich in lockerer Ferienstimmung bin? Ist es der ungewohnte Berglauf den ich wegen der Ferienumgebung vor ein paar Tagen gemacht habe? Habe ich vor dem Lauf zu viel getrunken? Habe ich mich zu kurz warmgelaufen? Oder war es am Ende doch der Espresso? Am mangelnden Training kann es auf jeden Fall nicht liegen (und dafür kann ich sogar Zeugen nennen die das bestätigen können).
Wie auch immer, ich lasse nicht locker und laufe weiter. Jederzeit rechne ich damit noch überholt und abgehängt zu werden, aber ich bleibe „einsam“ und zu meiner Überraschung holt mich keiner ein. Dann endlich der letzte Kilometer, hier erlebe ich die grösste Fehlorganisation meiner gesamten Laufkarriere. Sie haben wohl gerade eben die WalkerInnen starten lassen, denn auf dem schmalen Dammweg kommt mir auf einmal eine ganze Armee WalkerInnen entgegen. Nur wenige blicken nach vorne. Die meisten starren auf den Boden, schnauben laut und scheinen alles zu zertrampeln, das Ihnen unter das Schuhwerk kommt. Mir bleibt nichts anderes übrig als mich ganz an den Rand des Dammes abdrängen zu lassen. Ich rechne jederzeit damit von einem Nordic-Stock erschlagen - oder zu Fall gebracht zu werden. Aber – Gott sei Dank – ich komme heil an der Meute vorbei und finishe schliesslich die 17km in einer Zeit von… reden wir doch lieber wieder über das Wetter ;-) …1h12m50s. Das ergibt Rang 2 in meiner Altersklasse (M45) und Gesamt reicht das für den 6. Rang.  Eine halbe Minute später kommt der nächste Läufer im Ziel an, dann aber dauert es ganze 4 Minuten bis wieder ein paar Läufer ins Ziel gelangen.
Heute, eine Woche später, wo ich diesen Text verfasse bin ich im Training während der Mittagspause bei meinem 18km Tempolauf die ersten 17km in 1h10m gelaufen. Im Training schneller als im Wettkampf – und zwar fast 3 Minuten. Gelte ich jetzt als Trainingsweltmeister? Oder war es nur ein blöder Ausrutscher? Wie auch immer, jetzt geht es gemäss meinem Jahrestrainingsplan in die regenerative Sommerpause. Und die brauche ich jetzt dringend.